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SCHMERZSTÖRUNG
somatoforme Schmerzstörung, anhaltende somatoforme Schmerzstörung

Ein Beitrag von Achim Stenzel, Psychologischer Psychotherapeut, Psychologischer Schmerztherapeut

Thema: Schmerzstörung (anhaltende, somatoforme)

Der Begriff der Schmerzstörungwurde im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen, DSM-III (American Psychiatric Association - APA, 1980) erstmals verwendet. Was ein Schmerz ist, kann man sich vorstellen - was aber ist unter einer Störung zu verstehen? Der Begriff Störung soll einen beobachtbaren Komplex von Symptomen (= Krankheitszeichen) oder Verhaltensauffälligkeiten anzeigen, der immer auf der individuellen und oft auch auf der zwischenmenschlich-sozialen Ebene mit Belastung und Beeinträchtigung von Funktionen verbunden ist.

Dominieren medizinisch unerklärbare Schmerzen das klinische Bild eines Patienten, so wird ihnen innerhalb der Gruppe der Störungen seit 1980 ein eigener diagnostischer Status als Schmerzstörung eingeräumt. Die Bezeichnung somatoforme Störungen dient als Oberbegriff für eine Gruppe von Personen, bei denen medizinisch unklare körperliche Symptome im Vordergrund der klinischen Symptomatik stehen. Neben der Schmerzstörung gehört beispielsweise auch die Hypochondrie zur Gruppe der Störungen (somatoforme, anhaltende).

Wird heute von einer Schmerzstörung gesprochen, so ist entweder die "anhaltende somatoforme Schmerzstörung, F45.4" (Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F), Weltgesundheitsorganisation; Hrsg. Dilling, Mombour & Schmidt, 1991) oder eine der beiden folgenden Diagnosen aus der IV. Revision des DSM (APA, 1994, dt. 1996) gemeint: "Schmerzstörung in Verbindung mit Psychischen Faktoren, 307.80" oder "Schmerzstörung in Verbindung mit sowohl Psychischen Faktoren wie einem Medizinischen Krankheitsfaktor, 307.89".

Die ICD-10 ist das maßgebliche Klassifikationsinstrument psychischer Störungen in Deutschland. Deshalb möchte ich die Kriterien der "anhaltenden Schmerzstörung (somatoforme, anhaltende)", F45.4" im ICD-10 näher vorstellen.

Anhaltende somatoforme Schmerzstörung:

Die vorherrschende Beschwerde ist ein andauernder, schwerer und quälender Schmerz, der durch einen physiologischen Prozess oder eine körperliche Störung nicht vollständig erklärt werden kann. Er tritt in Verbindung mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auf. Diese sollten schwerwiegend genug sein, um als entscheidende ursächliche Einflüsse zu gelten. Die Folge ist gewöhnlich eine beträchtliche persönliche oder medizinische Betreuung oder Zuwendung.

Hier nicht zu berücksichtigen ist ein vermutlich psychogener Schmerz im Verlauf einer depressiven Störung oder eine Schizophrenie. Schmerzen aufgrund bekannter oder psychophysiologischer Mechanismen wie Muskelspannungsschmerzen oder Migräne, die wahrscheinlich auch psychogen sind, sollten unter Verwendung von F54 (psychische Faktoren oder Verhaltenseinflüsse bei andernorts klassifizierten Erkrankungen) sowie einer zusätzlichen Kodierung aus einem anderen Teil der ICD-10 (z.B. Migräne, G43.x) klassifiziert werden.

An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass die psychosozialen Beeinträchtigungen bei chronischen Schmerzen in den meisten Fällen die Kriterien für das Vorliegen einer "anhaltenden Schmerzstörung (somatoforme)" nicht erfüllen.

Letztlich ist die Verwendung der Diagnose einer Schmerzstörung (somatoforme, anhaltende) nach ICD-10 aus verschiedenen Gründen sehr problematisch. Sie beruht auf einem dichotomen Konzept von Schmerzen, das einerseits von einer psychogenen (psychisch bedingten) Schmerzstörung, andererseits von rein somatogenen (körperlich bedingten) Schmerzen ausgeht. Diese Unterteilung ist zwar historisch nachvollziehbar, gilt aber heute als rückständig und unangemessen.

Eine positive Entwicklung für die Klassifikation chronischer Schmerzen zeigt die IV. Revision des DSM (APA, 1994, dt. 1996). Während die "Schmerzstörung in Verbindung mit Psychischen Faktoren (307.80)" zwar noch weitgehend der problematischen Diagnose einer "anhaltende n Schmerzstörung (somatoforme)" entspricht, misst die Kategorie "Schmerzstörung in Verbindung mit sowohl Psychischen Faktoren wie einem Medizinischen Krankheitsfaktor (307.89)" sowohl psychischen als auch medizinischen Krankheitsfaktoren eine wichtige Rolle für die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen bei. Das DSM IV entspricht damit eher als die ICD-10 dem aktuellen Stand der Schmerzforschung. Leider ist die Verwendung der Diagnosen-Verschlüsselung nach ICD-10 in Deutschland verpflichtend, und so bleibt diesbezüglich nur die Hoffnung auf eine aktualisierte 11. Revision der ICD.

In jedem Fall ist es wichtig, dass die Diagnose einer Schmerzstörung, natürlich nur nach eingehender organischer Abklärung der Schmerzsymptomatik, nur durch einen Spezialisten in Sachen Psyche & Schmerz erfolgt. Bei einem Psychologischen Psychotherapeuten mit der Zusatzbezeichnung "Psychologischer Schmerztherapeut" bzw. "Schmerz-Psychotherapeut" kann man sich auf entsprechende Fachkenntnisse verlassen.

Die therapeutische Konsequenz der Diagnose "anhaltende somatoforme Schmerzstörung" liegt in einer Schwerpunktverlagerung: weg von der organmedizinischen Behandlung hin zur Psychotherapie. Eine Opioidtherapie bei Patienten mit "anhaltende r Schmerzstörung (somatoforme)" gilt in Fachkreisen als kontraindiziert.

Hier noch eine sehr gute psychologische Literaturempfehlung: Schmerzen überwinden (einfach anklicken)

Auf der Internetseite "die Gesundheitsreform" teilt das Bundesministerium für Gesundheit mit, daß seit dem 1.4.07 alle gesetzlich krankenversicherte Personen jetzt einen Rechtsanspruch auf eine Rehabilitation (damit auch auf eine Schmerzrehabilitation) haben und sich ihre Rehabilitationseinrichtung sogar selbst aussuchen können.

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